Stiff Upper Lip
Ich muss jetzt mal über die Engländer mit ihrer steifen Oberlippe schreiben. Auslöser ist ein Gespräch mit Deutschland in dem ich erfuhr, dass die Welt am Abgrund zu stehen scheint: Schweinegrippe geht um und rafft die Bevölkerung dahin. In Deutschland zwar noch nicht, aber in England gibt es schon das Menschensterben. Deutsche Flughäfen würden angeblich jeden Einreisenden aus UK oder Spanien in Quarantäne stecken, der nur ein Anzeichen von Husten oder Unwohlsein zeige. Überhaupt würden in diesen Ländern alle mit Mundschutz rumlaufen. Die Risikogruppen der Kinder und Alten seien besonders gefährdet und in Deutschland bereite man ja schon eine Massenimpfung vor, mit der man verzweifelt versuche, die sich anbahnende Katastrophe noch im letzen Augenblick abzuwenden. Soweit der Bericht aus Deutschland.
Ich bin beunruhigt und verstört. Werden diese grausigen Tatsachen wirklich dem britischen Volk vorenthalten, um hier eine Massenpanik zu verhindern? Den britischen Medien zufolge hat die Grippe-Hysterie die Menschen längst erreicht und es würde alles viel zu sehr aufgebauscht. Dabei merke ich von Aufbauschen gar nichts. Gestern auf einer Party habe ich ein Pärchen kennengelernt, das gerade fröhlich aus Mexiko zurück ist und sich dort über die leeren Strände gefreut hat, so wie die Mexikaner über jeden Gast. Die Frau einer meiner Kollegen wurde gar mit Swine Flu diagnostiziert. Mit einem kleinen Baby stillend und einem zweiten Kleinkind im Haus, wäre hier wohl am ehesten Grund zur Sorge gewesen. Sorgen tut man sich ja auch irgendwie, aber Panik sieht anders aus. Nachdem er zwei Tage bei seiner Familie blieb, bis es Anzeigen der Besserung gab, fährt er jetzt wieder auf Geschäftsreisen nach Deutschland.
Als Stiff upper lip wird diese britische Art beschrieben, mit innerer Stärke auf die Anfeindungen und Risiken des Alltags zu reagieren. Ob nun die Fliegerangriffe im zweiten Weltkrieg auf London, den Terroranschlägen der IRA, BSE, dem 7.7., als die Bomben in der U-Bahn hochgingen oder jetzt eben Swine Flu: Der Engländer scheint was besseres zu tun zu haben, als sich sein Leben von irgendwelchen Nazis, Terroristen, Viren oder sonstigen Umständen versauen zu lassen. Get on with your life, heißt die ungeschriebene Parole, der mehr folgen als man denkt. Und das färbt ab. So sehe ich mich selbst immer öfter mit versteifter Oberlippe dem Leben trotzen. Wie am Freitag zum Beispiel.
Morgens um sieben mit der Arbeit angefangen (sprich um fünf aufgestanden) konnte ich mich erst abends um sieben Uhr wieder auf den Weg nach Hause machen. Und es wurde auch Zeit, denn abgesehen von dem absolvierten 12 Stunden stand am nächsten Tag noch Samstagarbeit auf dem Programm. Doch als ich energetisch das Gebäude verließ, um die 15km Heimweg per Fahrrad anzutreten, regnete es nicht nur (wogegen ich mit Goretex-Jacke recht gut gerüstet bin), sondern es schüttete aus Kübeln. Nun gut, am Horizont schien die Sonne, also wird das ja gleich vorbei sein. Ich schwang mich aufs Rad als sich paar Minuten später das Schütten zu einem starken Regen abschwächte. Die nächsten paar Kilometer fuhr ich fast blind, denn der Regen hörte nicht auf, die Sonne vor mir am Horizont allerdings auch nicht und diese blendete mich durch die Wasserreflexion auf den Straßen so stark, dass ich eigentlich vom Rad hätte absteigen müssen. Aber wann kommt man schon mal in den Genuss bei strömenden Regen und gleißender Sonne gleichzeitig zu fahren? Ein unbeschreiblich surreales Erlebnis.
Der kurz darauffolgende platte Reifen war dann wieder realer und auch gar nicht die Folge meines Blindfluges, sondern der idiotischen Fahrradwegplanung meines Gastlandes. Die Tatsache, dass die Radwege und Radfahrstreifen holpriger und mit mehr Schlaglöchern versehen sind als jede Hauptstraße, weiß ich ja schon (deswegen fahre ich meistens auch mitten auf der Straße), in diesem Fall bin ich die Route auf Rat eines Kollegen (der mit der Schweinegrippefrau) zum ersten Mal gefahren (toller Radweg, muss du mal probieren). Neben den Schlaglöchern gibt es eine Stelle bei der der Kantstein entgegen der restlichen Strecke nicht abgesenkt ist und über den ich dann im vollen Tempo gebrettert bin. Autsch. Da haben sie mich gekriegt, die Engländer.
Und der Hinterreifen war paar Minuten später platt. Es war schon halb acht und ich suchte mit steifer Oberlippe den nächsten Fahrradladen auf. Der hatte auch grad noch auf, aber Reifen flicken machen sie jetzt nicht mehr. Also lieh ich mir Werkzeuge aus (das machten sie schon noch), kaufte einen neuen Schlauch und wechselte ihn vorm Laden selbst. Schließlich war ich um halb neun Zuhause, inzwischen auch wieder getrocknet und fühlte mir irgendwie gar nicht bitter oder mit dem Leben in Feindschaft. Was nach so einem Tag untypisch für mich ist. One of those days, dachte ich nur. Darf man das alles nicht so persönlich nehmen. Und irgendwie scheint sie einem dabei zu helfen, die steife Oberlippe.
Über Bucks Blog
Buck lebt in London, liebt Movies, hasst Shopping, glaubt an Gott und schreibt was ihm so einfällt.
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Kommentare
Reif für die Insel
laraba | 27/07/2009, 18:18
Glücklich
buck | 29/07/2009, 07:06
Habe neulich gehört, dass Glück und Zufriedenheit zwei unterschiedliche Dinge sein können. Glück beschreibt den aktuellen Moment, Zufriedenheit einen länger anhaltenden Zustand... Vielleicht bist du ja zufriedener in Deutschland?
Abgesehen davon scheint der Mensch sich als soziales Wesen in einem nicht unbedeutenden Maße von seiner Umfeld positiv wie negativ beeinflussen zu lassen. Von daher, ja, ja, ja - mal auf Training vorbei kommen! :)
Radwege
Tom | 21/09/2009, 10:21
Hallo Buck,
hab da was für dich. Es gibt doch tolle Radwege bei euch, also hör auf dich zu beklagen! :D
Witz?
buck | 21/09/2009, 10:41
Ich bin mir echt nicht sicher, ob das ein Witz sein soll, oder die es ernst meinen :o Aber du scherzt doch zumindest, Tom, oder?



Irgendwie war ich in England auch glücklicher. Ob ich da auch eine stiff upper lip hatte? Wo ist die denn dann hingekommen? Vielleicht müsste ich mal wieder zum Training auf die Insel...
Laraba