Havaianas um jeden Preis
Ich hatte sie erstmals in einer Anzeige gesehen: Flip-Flops mit einer brasilianischen Flagge auf dem Riemen. Kurz drauf sah ich sie dann nochmal im Hausflur meiner Schwester und damit war die Marken-Konditionierung perfekt (wenn es das Wort "Brain-Branding" noch nicht gibt, erfinde ich es hiermit). Nach einem Jahr Flip-Flop-Abstinenz regte sich in mir der Wunsch wieder ein Paar zu besitzen. Die Birkenstock (hier in London zwar trendy und nicht mit dem Öko-Hauch umgeben, wie ich es aus Deutschland kenne) haben eben doch nicht diese Sommerleichtigkeit. Vor allem beim Kofferpacken nehmen sie mehr Platz weg und für mich steht ein Holland-Kurzurlaub an, bei dem das Wetter hoffentlich gut sein wird.
Auch die Crocs, ein weiterer Versuch meine Flip-Flop-Lücke zu füllen, tun's nicht. Sechs Jahre Brain-Branding brauchte es bei mir, diese Nacht hässlichen Gummiboote als Schuhwerk zu akzeptieren und mich durch die verlockenden Vorzüge (federleicht, super bequem, luftig und stinkt nicht) zu der Anschaffung eines Paars hinreißen zu lassen, nur um festzustellen, dass meine Füße nicht Crocs konform sind. Sprich, ich bekommen Blasen, was mir zwar keiner glaubt der selbst ein Paar besitzt, aber es ist so. Nun waren also wieder Flip-Flops angesagt und zwar welche von denen ich nicht mal den Markennamen wusste, sondern nur dass eine brasilianische Flagge drauf ist.
Ich sah mich schon im Geiste durch Oxford-Street irren, einen Schuhladen nach den anderen abklappernd und mit inkompetenten Verkäufergesichtern konfrontiert zu sein, die nicht die blasseste Ahnung haben würden was ich eigentlich will und mich mit 08/15-Badelatschen bombardierten. So entschied ich mich dem Horror-Einkaufzentrum Brent Cross eine zweite Chance zu geben. Nach einem traumatischen Shopping-Erlebnis im Jahr 2005 habe ich es gemieden wie die Pest. Brent Cross nutzte auch die zweite Chance nicht sich bei mir beliebt zu machen.
Der Weg dorthin mit dem Fahrrad war eine Katastrophe und das ist gemessen an den ohnehin halsbrecherischen Zuständen für Fahrradfahrer in London. Ich fühlte mich wie einem Computer-Game das man "Street Wars" oder so nennen könnte. Sowas gibt es doch bestimmt: Unversehens befindet man sich auf irgend welchen mehrspurigen Hauptstraßen, zum Kantstein hin übersät mit Müll, Scherben und Schlaglöchern, während ständig auf der anderen Seite Autos, Busse und Schwertransporter mit höchst möglicher Geschwindigkeit bei minimalen Abstand an einem vorbeiziehen. Alternative Fahrradwege gibt es nur in der Theorie. Wie zum Hohn tauchen mitten in dem Verkehrskrieg Fahrradwegweiser auf, die irgendwo hinweisen, wo es bestenfalls steil abwärts in ein obskures Halbwege-Unterwelt-Labyrinth führt, das einen das Tageslicht trotz Verkehrs-Wahnsinn bevorzugen lässt.
Doch ich erreichte Brent Cross lebend und unverletzt und stand schließlich im ersten Schuhladen und gleich vor einem Hängeregal voll mit brasilianischen Flaggen-Flip-Flops, die Havaianas heißen wie ich nun erfuhr. Ziemlich schwer die Teile, schwerer als Crocs. "100% rubber" heißt es beim Hängeregal. Also nicht dieser billige Schaumstoff. Ein Preis stand nicht dran, aber was kann ein Edel-Flip-Flp schon kosten? Bisher hatte ich nie mehr als £5 für sowas ausgegeben. Irgendwie dachte ich auch nicht weiter drüber nach. Lass sie doch £10, £12 oder £15 kosten. Nach der Nahtoderfahrung auf der A406 zu Brent Cross gibt für mich es wichtigere Dinge als Geld. Diese Havaianas zum Beispiel.
Ich ging also zur Kasse, zückte meine Kreditkarte, gab den PIN ein und sah unglaubliche 23 Pfund auf dem Display stehen, die ich gerade per Zahlencode autorisierte. Dreiundzwanzig Pfund? DREIUNDZWANZIG??? Leicht benommen drückte ich Enter. Die Bezahlung ging durch und nun bin ich der stolze Besitzer von zwei Gummi-Sohlen mit Gummi-Riemen. Echtes Gummi wohlgemerkt. Kein Plastik oder Holz oder Leder - nein, Gum-mi! Um den Preis zu verdauen, bin ich Zuhause angelangt gleich auf die Webseite von Havaianas gegangen. Sehr schön gemacht, muss ich sagen. Da kauf ich mir doch gleich noch ein Paar.
Übrigens gibt es die Teile schon seit 1962. Wer hätte es gedacht? Neben dem Kultstatus werden noch Verkaufsargumente angeführt wie "der Riemen verformt sich nicht". - Hä? Ich hatte noch nie Flip-Flops bei denen sich der Riemen verformte, der reißt höchstens. Und wenn ich das Gewicht der Havaianas bedenke, reißt da der Riemen noch eher. Nun schlurfe ich mit diesen schweren Latschen schon in paar Stunden rum und es fühlt sich bereits etwas wund zwischen den Zehen an. Aber gut, man leidet gerne, wenn man grad £23 für den neuesten Trend bezahlt hat und das der Trend relativ neu ist, erfahre ich auch auf der Webpage. In Europa ist die Marketing-Maschinerie wohl erst 2008 so richtig angelaufen. Das Brain-Branding hat bei mir hier ja schneller geklappt als bei den Crocs. Glückwunsch, Havaianas!
Über Bucks Blog
Buck lebt in London, liebt Movies, hasst Shopping, glaubt an Gott und schreibt was ihm so einfällt.
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Kommentare
Havaianas um jeden Preis
Grabräuberin88 | 26/08/2009, 07:46
Gelohnt
Buck | 26/08/2009, 08:39
Ja, hat es hat sich gelohnt und die Havaianas tragen sich gut.
Vor allem weil sie schwerer sind als diese Schaumstoff-FlipFlops, die ich sonst immer hatte. Ich würde mich jederzeit wieder welche kaufen, aber jetzt von Internet, da gibt es sie etwas billiger... Und nun da ich selbst welche habe seh ich erst wie viel Leute damit rumlaufen. Man sieht sie ÜBERALL! Selbst in Holland ;)
Viele Grüße,
Buck
£1.71 in Brasilien im Supermarkt!
Tanja | 11/05/2010, 08:41
Interessant, wie sich die Havaianas gemacht haben. Vor ca zehn Jahren, hab ich mir in Brasilien einige Paare gekauft, die gab es damals im Supermarkt (http://www.carrefour.com.br/) fuer 4.50 Reais - heute umgerechnet £1.71. Die hangen da einfach im Regal, mit all den anderen Schuhen und Sandalen und hiessen noch nicht mal "Havaianas", heute sind die voll der Trend und jeder traegt sie. Die Qualitaet ist echt einmalig, ich habe meine immer noch...die gehen einfach nicht kaputt :-)
Halten 10 Jahre?
buck | 11/05/2010, 10:01
Das macht mir aber Hoffnung. Normalerweise halten Flip-Flops bei mir 2 Jahre und kosten 5 Pfund. Das heißt nach 10 Jahren haben sie sich längst amortisiert! Großartig! :-)



Hilfe! Das der Verkehr in London schlimm ist, habe ich ja schon am eigenen Leib erfahren dürfen - aber als Fußgängerin und da ist man um einiges wendiger.
Immerhin hast du das Objekt deiner Begierde schließlich bekommen, wenn auch für eine beträchtliche Stange Geld. Die Frage ist nur, hat sich der Aufwand gelohnt und sind die Schuhe mittlerweile bequemer? ;)