Digital Protection

Ein gelber Info-Ballon tauchte unten bei der Windows Taskbar auf: Digital Protection wollte irgendwas. Keine Ahnung was Digital Protection ist. Ich klickte es weg. Ein Klick der mir wochenlange Computerhölle bescheren sollte. Eine Kettenreaktion von Pop-up-Fenstern wurde ausgelöst, die sich alle um Virenschutz, Virenalarm und Runterladen der entsprechenden Sicherheitssoftware drehte. Ich wurde genau einen Klick zu spät skeptisch und konnte quasi nichts mehr tun. Mein Computer war verseucht.
In so einem Moment hofft man, dass ein schneller Scan alles wieder gut werden lässt. Windows-Safe-Mode und so weiter, wir kennen das ja. Problematisch nur, wenn das ganze passiert während ein aktuelles Virenprogramm im Hintergrund läuft (Avira, in meinem Fall) und Schritt für Schritt alle Funktionen des Rechners lahmgelegt werden. So wurde der Taskmanager deaktiviert, Avira sowieso, weder Firefox, Opera noch Chrome ließ sich starten und der kleine Monitor, der die Aktivität der Internetverbindung anzeigt, feierte Party und blinkte, dass es nur so eine Freude war.
Nach ein paar Stunden erfolglosen Versuchen der Fehlerbehebung, schwand so langsam die Hoffnung auf einen kurzen und schmerzlosen Ausgang des Vorfalls. Inzwischen wusste ich, dass ich es hier mit einem Rogue zu tun hatte, einem Fake-Antiviren Programm also. Man lernt nie aus. Auf verschiedenen Seiten werden Removaltools angeboten, mit denen man es entfernen kann. Manuell ginge zwar auch, aber inzwischen hat Digital Protection schon eine ganze Schar an Kumpels zur Hilfe geholt, die meinen Computer mit vereinten Kräften so gut wie dicht machten. Auf einer dieser Removaltool-Seiten wurde eine Offlinescan-Lösung mit USB-Stick beschrieben. Ich probierte es aus und machte den Anfängerfehler mich von dem "free download" verführen zu lassen.
Loaris heißt das Programm und es sieht Digital Protection erschreckend ähnlich. Loaris ließ sich zwei Stunden Zeit mit dem Scan, fand aber immerhin 50 Maleware Programme und beließ es dabei. Aufspüren ist gratis, Entfernung kostet Geld. 30 Pfund um genau zu sein. Ich gab auf und drückte das Geld ab, in der Hoffnung, dass damit der Spuk vorbei sei und ich wieder zum Alltag zurückkehren könne. Loaris tat was es versprach und löschte die 50 Programme. Die Basisfunktionen des Laptops gingen wieder, allerdings sehr eingeschränkt. Die Internetverbindung hatte weiterhin ein sehr aktives Eigenleben. Alles lief extrem langsam. Ich probierte Malewarebytes und wieder waren ein paar Stunden vorbei - und 50 weitere Einträge entdeckt.
So ging es nun weiter, über die nächsten Wochen. Da ich etwa 30GB Daten die letzten viereinhalb Jahren über alle Ordnerstrukturen auf meiner Festplatte verteilt hatte, sah ich wegen den nötigen und längs fälligen Generalbackups einer Neuinstallation des Rechners mit Grausen entgegen. Verzweifelt versuchte ich alles Mögliche den Rechner zu kurieren, um so Zeit zum Nacharbeiten meiner Backupschlampereien zu gewinnen, aber nichts half. Also wurde dieses Wochenende der Laptop platt gemacht, das heißt erst mal wurden die Daten gesichert, was mir wieder wertvolle 48 Stunden meines Lebens kostete. Die externe Festplatte war noch auf dem Versandweg und so versuchte ich mein Glück mit traditionellem DVD-Brennen. Nachdem der angeschlagene Rechner jeweils Stunden mit der Datenvorbereitung und Brennen der ersten DVD des Sicherungssets brauchte, brach er unvermittelt nach Beginn der zweiten ab. Ich versuchte es dreimal, es wurde Morgen, es wurde Abend, der nächste Tag.
Mein Arbeits-Blackberry hat eine 16GB Micro-SD-Karte. Ich entschied meine 14GB iTunes-Sammlung darauf zu speichern: 4 Stunden. Ein Teil meiner Photosammlung fand auf einem 4GB USB-Stick Asyl. 12GB Daten mussten noch anderweitig gesichert werden und ich hatte keine Ahnung wie. Es war schon Samstag Nachmittag und eine Laptop-Neuinstallation war noch nicht mal Ansatzweise in Sicht. Inklusive aller Updates, Anwendungen, Datenrücksicherung und den unvorhersehbaren Pannen schlägt das auch mit einem vollem Arbeitstag zu Buche. Bei optimistischer Rechnung.
Ich bin nur begrenzt belastbar und war ganz nah dran die Schwelle zum Wahnsinn zu überschreiten, der sich als ein alles um mich zerstörenden Tobsuchtsanfall manifestieren würde oder gleichermaßen wahrscheinlich als dauerhafter Rückzug zu meinem "inneren Ort des Friedens", an dem es keinen Schmerz und keine Computer gibt. Sollen dann die Psychiatriepfleger doch versuchen mich daraus wieder hervor zu locken, wenn ich so leer vor mich hin starrend in der Ecke meiner weich gepolsterten Zelle hocke. Der rettende Gedanke kam von meinem Mitbewohner Mike (Doktor der Psychologie ist der, da war ich dann ja an der richtigen Adresse):
"Jetzt hol dir doch einfach noch einen 16GB USB Stick und pack da den Rest drauf."
Ich weiß auch nicht warum mir das ein hochqualifizierter Psychologe sagen musste, aber er hatte Recht. Ich machte mich auf USB-Stick kaufen und hatte zugleich ein kleine Ablenkung vom Computeruniversumsuntergang-Szenario. Alles weiter ging dann zwar nicht schnell, aber immerhin halbwegs reibungslos.
Der Laptop ist nun wie neu und ich frage mich warum ich das nicht schon viel eher mal gemacht habe. Aber lassen wir dass und die Frage nach dem "warum ich?". "Digital Protection" bleibt allerdings eine interessante Metapher: Wer schützt mich vor dem digitalen Wahnsinn? Die wahren Schädlinge sind doch die Computer selbst. Es ist schockierend wie emotional instabil ich werde, sobald die 0/1-Welt um mich herum zusammen bricht. Vielleicht sollte ich ein paar Wochen oder Monate digitalen Entzug vornehmen und es einfach beim analogen belassen. Auch wenn ich mir jetzt nicht vorstellen kann, aber das Leben ginge dann bestimmt irgendwie weiter, - oder?
Über Bucks Blog
Buck lebt in London, liebt Movies, hasst Shopping, glaubt an Gott und schreibt was ihm so einfällt.
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Kommentare
Finger in die Wunde
Tom | 04/05/2010, 09:08
Ja, ja...
Buck | 05/05/2010, 07:20
...ich weiß ja es ist meine Schuld und ich habe obendrein ungeheures Glück, dass ich ohne anständige Backups über die letzten viereinhalb Jahre keine Daten verloren habe!!!
Der letzte Virus-Super-GAU mit kompletten Datenverlust liegt bei mir etwa 15 Jahre zurück!!! Damals hatte ich mir einen Boot-Virus über Diskette von der UNI geholt. LOL Danach hatte ich regelmäßig Backups gemacht, aber wenn ein Jahrzehnt lang nichts mehr passiert wird man wieder leichtsinnig ;)
kein Betreff
Christoph | 05/05/2010, 11:20
Hast du dir den nach deinem Besuch bei uns eingefangen? Und wenn ja, wie?
Üblicherweise hole ich mir neue Software nur über http://www.heise.de/software. So glaube ich zumindest einen gewissen Schutz zu haben, bevor ich mir dubiose Software installiere.
Der Tipp mit dem Stick als provisorisches Backup ist gut. Sieh trotzdem zu, dass du die wichtigen Dinge noch auf DVD packst.
Nein, das war vorher...
buck | 06/05/2010, 09:28
..und ich hab keine Ahnung wo der Virus herkam. Hatte nichts zuvor installiert oder so...
Bin mir auch nicht sicher ob Digital Protection der eigentliche Schädling war oder nur das erste auf das ich. aufmerksam geworden bin...
Der Rechner war dann ja auch schießlich Viren/Maleware frei, aber trotzdem so lahm und die Internetverbindung (trotz sehr restriktiv eingestellten Zonealarm) sehr, sehr schlecht und anscheinend immer aktiv, auch wenn ich nichts tat :-o
Die Neuinstallation hat alles behoben, aber das mit den Backups mach ich natürlich nun ;-)



Also ein Backup macht man doch regelmäßig. Dazu hat man natürlich mindestens eine externe Platte zuhause. Naja, ab jetzt weißte das wohl auch. Komisch, dass jeder erst diese Erfahrung selbst machen muss. Bei mir war es mal ein falscher/defekter Sata-Treiber, der eine Partition nach der anderen gelöscht hat. Waren aber erst sehr wenige Daten drauf. Puhhh. :)