Ich hatte die Wahl

Ich kann meine "Mein erstes Mal"-Liste erweitern: Heute bin ich das erste Mal in England wählen gegangen. Bis gestern wusste ich gar nicht so recht, dass ich das überhaupt darf oder wie man das macht, aber da ich auf der Arbeit mehrmals täglich drauf angesprochen wurde und die einhellige Meinung bestand, ich dürfe selbstverständlich wählen, ich würde ja immerhin auch Steuern zahlen und letztendlich ist Politik doch nichts anderes als Verteilung von Steuergeldern, bin ich dann gestern doch noch auf so eine Internetseite, wo ich mich registrieren konnte, was aber nicht klappte, weil ein Tag vor der Wahl eben doch ein bisschen zu kurzfristig ist. Auf der Webseite selbst stand das nicht, da wurde nur suggeriert, dass die Anmeldung überhaupt kein Problem sei. So probierte ich x mal rum, bis ich aufgab und die Nummer meiner Counsil anrief, die über Postleitzahl da auch ermittelt werden konnte. Und es ging sogar gleich jemand ran. Ich war erst ganz misstrauisch und dachte ich hätte mich verwählt, denn solche Anrufe ohne erst eine Viertelstunde in der Warteschleife zu hängen, kennt man ja gar nicht mehr.
Aber ich war richtig und die freundliche Stimme an anderen Ende verkündete mir innerhalb von Sekunden, dass ich bereits registriert sei und ob ich keine gelbe Karte per Post gekriegt hätte.
"Nee, gab ich nicht"
"Kein Problem, die brauchen sie auch nicht. Einfach vorbeikommen ."
Das tat ich dann heute nach der Arbeit. Die Wahlbüros waren von 7 bei 22 Uhr offen. Das nenne ich einen Service, die scheinen wirklich alles zu tun um das Volk an die Urnen zu bewegen. Ich bahnte meinen Weg durch die Gänge des als Wahlbüro umfunktionierten Kirchengebäudes. Ich hatte meinen Pass als Identifikation zur Hand. Ein Wahlhelfer fragte mich routiniert nach Adresse und Namen, grunzte zufrieden als beides übereinstimmte und wies seinen Kollegen an mir einen Wahlzettel zu geben.
"Aber nur den für die Local Election", sagte er bestimmt.
Wusste ich doch, dass da ein Haken war und ich als Deutscher Gordon Brown nicht persönlich einfach so abwählen darf, sondern nur die Nasen in meiner Kommune. Irritierend auch, dass ich genauso gut meine Mutter hätte stellvertretend schicken können, denn niemand überprüfte ob ich wirklich der bin, für den ich mich ausgab. Es gab auch keine diskreten Wahlboxen, sondern nur offene Ecken, in die man stellen konnte und dann seine Kreuzchen machte. Also nix von geheimer Wahl und so. Alles sehr öffentlich, transparent und unkompliziert. Ja, so sind sie die Briten. Und so stand ich nun da und durfte drei Kandidaten aus der Liste picken. Da ich niemanden kannte und keine Ahnung hatte, wer was machen will, ließ ich mich einfach von den Parteifarben und Namen inspirieren, faltete den Zettel sorgfältig und steckte ihn in den Plastikschlitz der Urne.
Ob es Sinn macht oder nicht, es ist einfach schön die Wahl zu haben, in diesem Punkt bin ich überzeugter Demokrat!
Über Bucks Blog
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Kommentare
kein Betreff
tombraidergirl | 07/05/2010, 16:17
Bildung
Christoph | 10/05/2010, 09:50
Vielleicht kommt ja mal in den "Informationen zur politischen Bildung" etwas über die britische Politik. Über die in den USA hatten sie mal ein Heft, das sehr informativ und aufschlussreich war.



Schöner Bericht, da weiß man auch mal, wie das bei euch so läuft.