Impulskauf Laufschuh
Es gibt ja Dinge, da sollte man sich beim Kauf besser beraten lassen. Das
dachte ich mir auch, als letzten Herbst das Bedürfnis nach Laufsport wieder
erwachte. Damals schlüpfte ich unkompliziert in meine alten Sportschuhe und
rannte los. Ich bekam zwar keine Blasen, aber meine Zehennägel (von den etwas
zu langen "Mittelzehen") liefen schwarz an und lösten sich. Bemüht, die
feinen Signale meines Körpers richtig zu deuten, ließ ich es mit dem
Laufen erst mal sein und plante eine Investition ins richtige Schuhwerk. In
der alten Heimat Deutschland hätte ich gleich gewusst in welches Sportgeschäft, aber
hier, in der Metropole des ungehemmten Konsums, leidet die Qualität nicht
selten unter der Quantität und qualifizierte Verkäufer sind Mangelware.
So lag das Projekt Laufsport erst mal auf Eis, bis mich meine Freundin in einen kleinen Sportladen zerrte, bei der
Arbeit um die Ecke, und wir an einen Verkäufer gerieten, der meine unschuldige
Frage nach dem richtigen Laufschuh, mit einer Gratis-Vorlesung in Sachen
Orthopädie beantwortete und mir keinen Schuh verkaufen wollte, ohne mich vorher
barfuß durch den Laden joggen zu sehen, um somit die nötigen Rückschlüsse
auf meine Fußhaltung ziehen zu können. Lapidare Bemerkungen wie "Och, mit
Asics kann man doch nichts falsch machen" galten nicht. Da ich auf so eine
umfassende Körperanalyse nicht eingestellt war, versprach ich zur Untersuchung ein anderes Mal wiederzukommen.
Sechs Monate später verspeiste ich genüsslich zum Lunch eine Jacket Potato mit Cheese and Beans und als ich schließlich satt und zufrieden aufstand um zu zahlen holte mich meine Erinnerung ein. Das kleine Bistro befand sich genau neben dem Sportladen des verhinderten Orthopäden und ich hatte plötzlich den Impuls, dort hineinzugehen und mit den Laufschuhen wieder hinaus und das ganze in den 20 Minuten, die mir noch von meiner Mittagspause blieben.
Ehe ich mich versah stand ich vor der Theke und fragte nach dem "Spezialisten". Die unschuldige Verkäuferin schaute mich groß an, halb verständnisvoll, halb mitleidig, mit einer Prise Grauen bei dem Gedanken der eigenen Traumatisierung durch all die verstörten, fußnackten Menschen die schon über die paar Quadratmeter Verkaufsfläche gescheucht wurden. Und da kam er schon und knüpfte nahtlos da an, wo er vor einem halben Jahr aufgehört hatte: Ausziehen. Mit stoischer Ruhe zog ich also meine Schuhe aus, streife die Socken ab, krempelte die Anzughose bis zum Knie hoch und begann meinen Marsch durch die Kleiderständer, mit dem mich beschleichenden Gefühl, krumme, verformte Füße zu haben, für die es sicher kein geeignetes Schuhwerk gab, wurden doch Erinnerungen an den Kommentar eines richtigen Orthopäden wach, der mir seinerzeit gefühlskalt Senkspeizfüße attestierte. ("Senkspreizfuß", was für ein furchtbares Wort.)
Hier konnte dann das Sportschuh-Käpsele überraschend punkten: Ich würde mit meinem Fuß wunderbar gerade abrollen und bräuchte weder für den Innen- noch für den Außenfuß eine Unterstützung. Ein klarer Fall der mit zwei "neutralen" Schuhmodellen besiegelt wurde, die er energisch vor mich hinstellte. Ich erfasste sofort die implizierte Aufforderung nun mit diesen Dingern durch den Laden zu rennen und tat es auch gefügig. Es kam noch zu der einen oder anderen kurzen Eruption fußmedizischen Fachvokabulars, bis es klar war, dass es eben nicht Asics ist sondern Mizuno. Hat irgendwer schon mal was von Mizuno gehört? Egal, dies waren die Schuhe seiner Wahl und da ich ja eh schon den Widerstand gegen das geballte Wissen sportorthopädischer Erleuchtung in Form eines um mich herumhüpfenden Männleins aufgegeben hatte, tat ich brav wie mir geheißen wurde und zückte die Kreditkarte. Ein Impulskauf sozusagen, innerhalb von 20 Minuten.
Bereut habe ich es nicht. Bin heute schon das zweite Mal Laufen gewesen und meine Zehennägel sind noch dran und es läuft sich überhaupt sehr weich und der Fuß hat guten Halt. Ich werd mir da sicher auch das nächste Paar holen, denn kompetente Verkäufer sind ja hier Mangelware.
Über Bucks Blog
Buck lebt in London, liebt Movies, hasst Shopping, glaubt an Gott und schreibt was ihm so einfällt.
Wer will, darf's lesen.


